Gesundheit

Informationen zu Häuslicher Gewalt für Mitarbeitende im Gesundheitswesen

Häusliche Gewalt: Erkennen und (Be-)Handeln

 
Warum bleiben Betroffene?

Betroffene von Häuslicher Gewalt sind oft gefangen im Kreislauf der Gewalt.

Anfangs herrschen Unglauben, Verwirrung und Verleugnung nach den Übergriffen vor. Ambivalenz und Hoffnung auf Besserung sind häufige Gründe dafür, dass Betroffene bleiben. Entschuldigungen und das Bereuen des Gewaltausübenden nähren die Hoffnung auf Besserung und tragen zum Aufrechterhalten der Beziehung bei. Die Gewalt wird Alltag. Die anfängliche Hoffnung wandelt sich allmählich in zunehmende Hoffnungslosigkeit.

Darüber hinaus übernehmen die Betroffenen von Häuslicher Gewalt häufig die Verantwortung für ein harmonisches Familienleben. Damit übernehmen sie oftmals die Verantwortung für die Schuld an der Häuslichen Gewalt („hätte ich nur besser aufgeräumt…“, „hätte ich nur dafür gesorgt, dass es nicht so unordentlich ist…“, „hätte ich es nur geschafft, die Kinder ruhig zu halten…“). Dieses Gefühl der Verantwortung geht oft mit Scham, dem Gefühl des persönlichen Versagens und dem Gefühl der eigenen Wertlosigkeit einher.

Dies erschwert es, sich nach außen zu öffnen und sich Hilfe zu holen. Betroffene geraten zunehmend in Isolation. Das Umfeld versucht mit Ratschlägen zu unterstützen. Die Betroffenen können diese Ratschläge oft nicht umsetzen, weshalb sich Familie, Freunde, Nachbarn, etc. mit der Zeit immer mehr abwenden.

Mit der wiederholten Erfahrung gewalttätiger Übergriffe wächst oftmals auch die Angst vor dem mächtigen Partner. Da Eskalationen der Gewalt sich vor allem in Situationen von äußerlichen Veränderungen zeigen, kann eine Trennung ein hohes Risiko für schwere körperliche Gewalt beinhalten.

Zudem fördert finanzielle Abhängigkeit und damit verbundene Existenzängste ein Verbleiben in der gewaltgeprägten Partnerschaft.

Auch Einstellungen zur Gewalt als normale Konfliktlösungsmethode können eine Aufrechterhaltung einer destruktiven Beziehung befördern, wie auch die Verhaftung in geschlechtsstereotypischen Rollenmustern.

 

Was sind die Folgen?

Trauma Typ I                                          Trauma Typ II

Kurz                                                           langanhaltend

Klarer Beginn                                           Dauer schwer definierbar

Klares Ende                                              Beziehungstaten

(Bsp.: Unfälle, Naturkatastrophen)       (Bsp.: „Man made disaster“ wie (Häusliche) Gewalt, Missbrauch, Folter)

 

Das langjährige Erleiden Häuslicher Gewalt kann also Traumafolgestörungen vom Typ II hervorrufen. Die Folgen/Beschwerden können sein:

  • Posttraumatische Belastungsstörung
  • Depressionen
  • Süchte
  • Ängste
  • Zwänge
  • Somatisierung
 
Was tun bei Verdacht auf Gewalt?

Betroffene von Häuslicher Gewalt nehmen das Gesundheitssystem häufiger in Anspruch als Nichtbetroffene. Ärztinnen und Ärzte sind zugleich oftmals erste und manchmal einzige Ansprechpartner*innen von Menschen, die in ihrem häuslichen Umfeld Gewalt ausgesetzt sind. Sie können eine entscheidende Rolle bei der Vermittlung von Unterstützung einnehmen. Jedoch kommen die wenigsten Patient*innen mit offensichtlichen Symptomen wie ein blaues Auge oder Hämatome in die Arztpraxis oder berichten von der erlebten Gewalt. Da das Thema sehr schambesetzt ist, ist die Hürde, sich zu öffnen, sehr hoch. Häufig wird die Gewalt verleugnet oder bagatellisiert. Andere, mehr oder weniger plausible Gründe für Verletzungen werden vorgeschoben.

Oftmals zeigen sich im klinischen Alltag unerklärliche psychosomatische Beschwerden wegen derer die Betroffenen immer wieder die Praxis aufsuchen. Unspezifische Symptome wie Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Angstzustände, Panikattacken, depressive Symptome, Essstörungen sowie Suizidversuche oder –gedanken können Anlass für einen Arztbesuch sein, deren Ursache in Häuslicher Gewalterfahrung liegt. Auch bei Suchtmittelmissbrauch muss an eine Bewältigungsstrategie von Gewalterlebnissen gedacht werden.

Von Betroffenen wird berichtet, dass sie es als sehr entlastend erlebten, wenn die Ärztin oder der Arzt das Thema von sich aus angesprochen haben. Da Betroffene manchmal jahrelang in Isolation gelebt haben und/oder massive Angst vor der gewaltausübenden Person haben, sprechen sie häufig trotz der Nachfrage der Ärztin/des Arztes nicht über die Gewalt. Dennoch stellt ein Ansprechen und Öffnen des Gesprächs für die Situation eine Chance für die Betroffenen dar, sich (vielleicht in Zukunft) Hilfe zu holen.

Empfehlungen zum Gespräch und weitere Informationen von S.I.G.N.A.L. e.V. – S.I.G.N.A.L-Leitfaden:

S     Sprechen Sie die Patientin an, signalisieren Sie ihre Bereitschaft. Frauen öffnen sich, wenn sie spüren, dass ihre Situation verstanden wird.

I      Interview mit konkreten einfachen Fragen. Hören Sie zu, ohne zu urteilen. Den meisten Frauen fällt es schwer, über Gewalterlebnisse zu sprechen.

G     Gründliche Untersuchung alter und neuer Verletzungen. Verletzungen in unterschiedlichen Heilungsstadien können Hinweise auf häusliche Gewalt sein.

N     Notieren und dokumentieren Sie alle Befunde und Angaben, so dass sie gerichtsverwertbar sind

A     Abklären des aktuellen Schutzbedürfnisses. Schutz und Sicherheit für die Patientin sind Grundlage und Ziel jeder Intervention.

L     Leitfaden mit Notrufnummern und Unterstützungsangeboten anbieten. Frauen werden zu einem für sie richtigen Zeitpunkt von ihnen Gebrauch machen.

 

Sehr hilfreich kann es sein, die Frage nach der Gewalt in Ihre ärztlichen Routinefragen generell einzuschließen.

Achten Sie stets darauf, die betroffene Person NICHT im Beisein der vermeintlichen gewaltausübenden Person zu fragen. Finden Sie einen medizinischen Vorwand, weswegen Sie die betroffene Person in einen anderen Raum mitnehmen müssen.